Vertrauen versus Angst

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Vertrauen ist das beste Mittel gegen die Angst

Durch Übererregung wird unser Denken blockiert. Reaktionen werden dadurch erheblich erschwert.

Im Frontalhirn ist die Fähigkeit verankert, sich in andere Menschen hineinzuversetzen sowie auch bestimmte Handlungen durchführen zu können. Im Hirnstamm sitzen die archaischen Notfallprogramme. Die komplexeren Bereiche des Hirns werden bei Überlastung überaktiv. Damit wieder Ruhe ins Gehirn einkehren kann, benötigt es Vertrauen. Um dieses wieder zu erlangen, braucht man die Gewissheit, dass alles wieder gut wird bzw. dass alles einen Sinn macht. Auch die Hilfe von anderen Menschen ist hier sehr wichtig sowie die Vorstellung, dass man in dieser Welt gehalten wird.   

Ressourcen aktivieren

Um in eine andere emotionale Stimmung zu kommen, kann man sich z.B. seine Lieblingsmusik anhören. Die Wahrnehmung ist durch Angst eingeengt und damit lässt sich das Hirn nur eingeschränkt nutzen. Hier hilft es, seine Ressourcen zu aktivieren, um wieder Ruhe einkehren zu lassen. In Schwierigkeiten kann man sich Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen, die als Ressource später wieder abgerufen werden können, wenn es erneut erschwerte Situationen gibt. Menschen, die durch sehr viel Leid hindurchgegangen sind, verfügen über viele Ressourcen, um im Leben mit Konflikten und Problemen besser umgehen zu können. Wenn Menschen mit ihren Gedanken nur immer im eigenen Leid sind, können sie ihre Ressourcen nicht anzapfen bzw. nicht auf sie zurück greifen. Sie blicken in die falsche Richtung. Besser wäre, sie schauen, was sie in diesem Leid hervorgebracht haben. Sollte es diesen Menschen gelingen, den Blick auf das zu richten, was sie in diesem Leid so stark gemacht hat, ist das eine Schatzsuche in sich selbst, in der sie funkelnde Kristalle finden.

 Tunnelblick als Notfallreaktion

In besonders belastenden Situationen wird das sympathische Nervensystem aktiviert. Dieses löst als Schutz den Tunnelblick aus, damit nur das anstehende Problem fokussiert wird. Hierdurch lässt sich eine eventuelle Lösung besser finden.

Krise ist sowohl Gefahr als auch Chance

Wenn Kinder nicht hinfallen, lernen sie auch nicht, aufzustehen. Es kann sein, dass man mit seinem Leben nicht zurecht kommt, weil man nicht häufig genug hingefallen ist.  Wir brauchen Probleme, damit wir uns zutrauen,  im späteren Leben zurecht zu kommen. Jeder von uns kommt mit einem Urvertrauen auf die Welt. Durch die Nähe und Enge im Mutterleib entsteht dieses Urvertrauen und eine Verbundenheit.  Es ist möglich, mit dieser Verbundenheit über sich hinauszuwachsen. Das gilt besonders in harmonischen Beziehungen, die Liebe, Sicherheit und Rückhalt vermitteln.  

„Wo Licht ist, ist auch Schatten oder wo Schatten ist, ist auch Licht“

Zu Beginn unseres Lebens machen wir nur gute Erfahrungen, d.h., dass wir durch die tiefe Verbundenheit im Mutterleib ein Urvertrauen entwickeln, das uns Stärke und Kraft verleiht. Wir haben das Gefühl, über uns hinauswachsen zu können. Dieses Gefühl erfährt in dem Moment einen großen Schmerz, wenn wir von dem Menschen zurück gewiesen werden, von dem wir es gewohnt waren, in den Arm genommen und getröstet zu werden.  Das ist deshalb so, weil unser Hirn weiß, was „richtig“ gewesen wäre. Nun aber tritt genau das Gegenteil von dem ein, was erwartet wurde. Dieser Seelenschmerz ist nur deshalb zu empfinden, weil man als Referenz hirntechnisch das aufruft, was das „Richtige“ gewesen wäre. Es ist nötig, die Vorstellung von etwas „Richtigem“ zu haben, damit eine Vorstellung von etwas „Falschem“ überhaupt erst entwickelt werden kann. Erst dann ist man in der Lage, Schmerz zu empfinden. Wir tragen ständig in uns das Wissen um das „Richtige“ weiter, selbst dann, wenn wir Leidvolles erfahren. Daraus resultiert die wachsende innere Stärke.

Es gilt, dieses Wissen wiederzufinden, wenn es einmal verloren gegangen ist. Dabei kann ein Therapeut unterstützend helfen.  

Chancen erkennen

Menschen, die aus Krisen gestärkt hervorgehen, entdecken von nun an ein ganz neues Weltbild.

Erfahrungen, die sich im Leben wiederholen, werden im Gehirn verankert. Emotionale Regionen werden im Frontbereich des Gehirns angesprochen und gleichzeitig finden hier auch Lernprozesse statt. Daraus entsteht eine innere Haltung bzw. Überzeugungen darüber,  wie gewisse Dinge zu sein haben. Wenn an Gewohnheiten permanent festgehalten wird, obwohl diese im Leben nicht gerade förderlich sind, kann eine Krise dazu verhelfen, sich von dieser inneren Haltung  zu lösen. Das Leben ist ein ständiger Prozess der Veränderung und deshalb lässt sich vieles nicht festhalten. Genau so wenig wie ein Fluss sich festhalten lässt. Die Chance zu erleben, dass man etwas loslassen darf, kann einen im Leben weiterbringen. Loslassen ist die Voraussetzung dafür, dass etwas anderes überhaupt erst möglich ist und sich neue Wege auftun. Insofern steckt in jeder Krise auch eine Chance, aus der Weiterentwicklung stattfinden kann. Wir schwimmen im Fluss des Lebens, der irgendwann einmal im großen Meer mündet.

 

Quelle: aus einem Interview mit Prof. Gerald Hüther, Margarete Isermann und Christa Diegelmann
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