Wenn Arbeit krank macht – Interview mit einer Betroffenen

Interview

Wenn Arbeit krank macht

Interview mit Frau Bennings (Name wurde geändert), 31 Jahre , Abteilungsleiterin eines international namhaften Unternehmens.

 Hildegard Schäl:

Hallo Frau Bennings. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview nehmen. Wie entspannt sind Sie gerade, in diesem Moment?

Hallo Frau Schäl, vielen Dank der Nachfrage. Aktuell bin ich recht entspannt und freue mich auf das Interview mit Ihnen!

Sie sind bei einem international tätigen Unternehmen als Abteilungsleiterin beschäftigt. In der Zeit nach Ihrer Beförderung zur Abteilungsleiterin hatten Sie in stressigen Phasen eine bis zu 60-Stunden-Woche zu bewältigen. Sie mögen Ihre Arbeit und erfüllen Ihre Aufgaben gern. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass Sie dieses Pensum nicht mehr schaffen?

Erstaunlicherweise hatte ich dieses Gefühl nie. Wenn Sie ins Berufsleben einsteigen und eine steile Karriere anvisieren und merken, dass es schnell nach oben geht, verlieren Sie das Gefühl für ein „normales“ Arbeitspensum. Dies ist leider in vielen Firmen der Fall, weil viele Mitarbeiter konstante Anwesenheit mit Arbeitsleistung verwechseln und das Gefühl haben, sich dadurch zu profilieren. Dabei ist dieser Ansatz völlig falsch. Ich möchte hier niemanden zu einem 9-to-5 Job ermutigen. Das wollte ich auch nie. Was wichtig ist, ist die Qualität und Leistung, die Sie bringen. Natürlich brauchen Sie in der Anfangszeit länger, um Arbeitsprozesse zu begreifen. Nur, wenn Sie nach einiger Zeit sicher sind und ihre Aufgaben gut bewältigen, spricht es doch umso mehr für Sie, wenn Sie die Ihnen übertragenen Aufgaben in angemessener Zeit bewältigen, ohne Massen an Überstunden anzuhäufen.

Woran haben Sie gemerkt, dass Sie kurz vor einem Burnout stehen?

Ich habe Anfang 2011 Magen/Darmprobleme bekommen und suchte einen Heilpraktiker auf. Dieser hat sich mit mir und meinem Arbeits- und Privatleben als Gesamtes auseinandergesetzt und mir aufgezeigt, dass es nicht ein rein gesundheitliches Problem ist, sondern auch viel mit meiner Arbeitseinstellung zusammenhängt. Das Thema Burnout stand nicht konkret als Diagnose, aber ich habe meine Leistungsgrenzen auf Kosten meiner Gesundheit kennen gelernt.

Wodurch ist das Ihrer Meinung nach noch geschehen?

Ich habe mein gesamtes soziales System vernachlässigt: Ich habe mich Ende 2010 von meinem Freund getrennt, meine Familie lebt weit weg von mir. Ich hatte immer weniger Zeit für Freunde. Daraus entsteht eine Spirale nach unten. Sie arbeiten immer mehr und wollen in Ihrer Freizeit auch nichts mehr unternehmen, weil Sie müde oder krank sind. Sie melden sich bei Ihren Freunden kaum noch und so kommt eins zum anderen. Es gibt selten nur eine Komponente, sondern es ist meist die Summe vieler kleiner Faktoren, weshalb ein Realisieren und Umdenken schwierig ist.

Wie lange haben Sie gebraucht, um zu erkennen, dass Sie etwas verändern müssen?

Das hat lange gedauert. Ich war immer der Meinung, dass mein Energiepensum unerschöpflich ist und habe in der Zeit auch unglaublich viel Sport getrieben. Als mein Körper sich mit diversen Allergien gewehrt hat, habe ich zunächst immer mehr Leistung eingefordert, weil ich Schwäche zeigen als Frau in einer Führungsrolle unglaublich unpassend fand. Je schlimmer die Allergien und mein Gesundheitszustand wurden, desto mehr habe ich nachgedacht und dann langsam angefangen zu realisieren, dass ich Ruhe und Entspannung brauche, um wieder zu Kräften zu kommen.

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen? 

Ich habe diverse Allergien diagnostiziert bekommen, musste meine Ernährung umstellen, habe eine sehr strenge Diät machen müssen und werde für die Zukunft auf meine Ernährung weiterhin sehr sorgsam achten müssen. Als Entspannungskur habe ich Urlaub alleine gemacht und viel nachgedacht. Ich habe mir mein Leben für die nächsten Jahre vorgestellt und meine eigenen Grenzen und Warnsignale definiert, um diese Situation nie wieder erleben zu müssen. Die Schwierigkeit besteht darin, sich immer wieder selbst zu fangen und nicht nur gesund zu werden, sondern alles erneut aufzubauen, das man vernachlässigt hat. Dazu gehört vor allem ein soziales Umfeld bestehend aus Partner, Freunden und Familie, das einen auffängt.

Woran haben Sie erkannt, dass Sie eine Entscheidung für Ihr Leben treffen müssen, um Ihre Lebensqualität wiederzugewinnen?

Da war dieses Gefühl fast jeden Sonntagabend von Unzufriedenheit und der Gedanke am Montag wieder arbeiten zu gehen, ohne etwas Schönes am Wochenende erlebt zu haben und dass mein Leben zur Zeit nur aus Arbeit besteht und so beschloss ich, dass dies kein Dauerzustand sein sollte und ich dringend etwas ändern muss.

Hat Ihr Handeln etwas mit Loslassen zu tun? 

Sicherlich ist Loslassen ein Teil davon. Allerdings hat es in meinem Fall auch sehr viel mit Erwachsenwerden zu tun. Man muss sich ernsthafte Gedanken machen, wo man sich in 5/10/15 Jahren sieht und sich fragen, ob jegliches Geld der Welt mehr als die eigene Gesundheit und die Familie und Freunde wert ist. Ich denke, jeder von uns wird diese Frage mit „Nein“ beantworten, aber das reicht nicht. Man muss diese Entscheidung auch leben und dem Begriff Work-Life-Balance Inhalt verleihen.

Würden Sie es wieder so machen?

Ich denke nicht, dass ich je wieder in dieser Situation sein werde, weil ich meinen Körper sehr gute kenne und mittlerweile weiß, wie er bei Stress reagiert und wie ich diesem Zustand vorbeuge. Ich ein gutes Gespür dafür entwickelt, wenn Menschen in einer ähnlichen Situation sind und so versuche ich, mich in meinem Umfeld um diese Menschen zu kümmern und glauben Sie mir, die meisten reagieren sehr erstaunt, wenn man sagt: „Hey, Du siehst nicht gut aus, was ist los?“ Unsere Gesellschaft hat den Blick für Schwäche zeigen verlernt und viele gehen sehr oberflächlich miteinander um.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach Entspannung?

Entspannung ist ein sehr wichtiger Faktor. Allerdings verwechseln viele Entspannung mit Schlaf. Entspannung kann ein Städtetrip sein oder ein Buch lesen, Sport treiben, mit Freunden oder dem Partner einen Ausflug machen. Das Indiz für Entspannung liegt darin, sich nach der Aktivität gut und lebendig zu fühlen. Dieses Gefühl bekommen Sie nicht, wenn Sie ein gesamtes Wochenende auf der Couch vor dem Fernseher verbracht haben.

Wie sollte die Aufteilung zwischen Anspannung und Entspannung im Idealfall aussehen?

Ich denke, unsere Woche gibt ein gutes Maß vor: Man sollte der allgemeinen Hysterie zur 24/7 Erreichbarkeit entgegenwirken und das Blackberry/ Laptop/ Handy am Samstag und Sonntag ausgeschaltet lassen. Glauben Sie mir, ich habe E-Mails vom Vorstand an Wochenenden beantwortet und mir stundenlang den Kopf darüber zerbrochen – hätte ich bis Montag mit dem Lesen gewartet und mir den Stress erspart, hätte ich die Möglichkeit gehabt, andere Personen nach Ihrer Meinung und Expertise zu fragen.

Ich denke ein individuell gesundes Maß muss jeder für sich herausfinden. Die Schwierigkeit ist, auf seinen Körper zu hören und ihm die Erholung zu gönnen. Wir sollten alle ein wenig darüber nachdenken, dass unsere Hochleistungsgesellschaft mehr Schein als Sein ist. Ich sage Ihnen ehrlich: Ich bin heute deutlich effizienter in meiner Arbeit und arbeite geregelt, anstatt halb angeschlagen, aber Hauptsache immer erreichbar. Diesen Zustand kann kein Mensch dauerhaft aushalten.

Was sollte bei andauernder innerer Anspannung verändert werden?

Ich denke, jeder von uns weiß, was ihm gut tut und so sollte man versuchen, für diese Aktivitäten Zeit zu finden, um dadurch wieder Kraft tanken zu können. Natürlich gibt es Hochphasen, in denen viel gearbeitet wird. Auch ich habe keine dauerhaften 37,5 Stundenwochen. Ich achte darauf, ob mein Körper immer noch vital ist, ob ich mit demselben Elan meinem Sport und anderer Freizeitaktivität nachgehen kann. Wenn Sie allerdings merken, dass dies nicht der Fall ist und Sie wissen, dass das aktuelle Projekt noch die nächsten 12 Monate andauert, sollten Sie priorisieren und auf ihr Team, Kollegen oder Ihren Vorgesetzten zugehen. Es gibt immer Lösungen und auch Themen, die sich verschieben lassen. Allerdings wissen nur Sie selbst, wie es in Ihnen vorgeht und kein anderer.

Wann ist ein Umdenken erforderlich?

Ich finde jeder von uns sollte einen Beitrag zum Umdenken leisten. Allerdings wird  in der heutigen Hochleistungsgesellschaft das Gegenteil in den meisten Vorstandsetagen vorgelebt: Viele Überstunden auf dem Zeitkonto werden gleichgesetzt mit guter Leistung. Ich denke, da sollten wir alle ansetzen und uns fragen, wie viel von der Zeit im Büro tatsächlich effektive Arbeitszeit ist. Ich habe mich in dieser Hinsicht verändert: Ich möchte, dass meine Mitarbeiter einen geregelten Tagesablauf haben und zeitig nach Hause kommen. Wenn es stressige Phasen gibt, sind auch alle bereit, Überstunden zu leisten, weil es kein Dauerzustand ist. So bleibt die Motivation erhalten und ich weiß, dass mein Mitarbeiter effizient arbeitet, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man am Freitag um 15 Uhr ins Wochenende geht.

Welche Schritte sollten unternommen werden, wenn ein Abschalten nicht mehr möglich ist?

Ich denke, als Vorgesetzter sollte man mit gutem Beispiel voran gehen und geregelte Arbeitszeiten vorleben, damit diese Situation gar nicht erst aufkommen kann. Falls es längere Hochleistungs- und Stressphasen gibt, sollte der Vorgesetzte sensible Fühler haben und auf die Warnsignale achten sowie die Aufgaben und Projekte entsprechend nach Wissensstand, Kenntnissen und Belastbarkeit verteilen.

Wie fühlen Sie sich jetzt mit dieser Erkenntnis?

Ich fühle mich stärker und gewappnet für zukünftige Aufgaben und glaube, so einen Schritt zu einer besseren Führungskraft und einem besseren Vorbild gemacht zu haben.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Sie und Ihre Zukunft bei bester Gesundheit!

Hildegard Schäl

Zertifizierte Trainerin &

Entwicklerin der MARS-Methode

 

© 2013 MARS-Methode

 

 

 

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